Chronik 1933 – 1945
Unter dem Hakenkreuz – Die Zeit des Nationalsozialismus
1933 – 1945
Die dunklen Jahre der Hitler-Diktatur veränderten das Schützenwesen schon bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933. Überall dort, wo die Schützen kein „Treuebekenntnis zum Führer“ ablegten, sollten die Aktivitäten der Schützenbruderschaften und –vereine von Beginn an eingeschränkt werden. Von Zwang allerdings konnte in den ersten Monaten des „Dritten Reiches“ keine Rede sein. Allzu bereitwillig legten auch die Schützen in Velmede-Bestwig ein solches Bekenntnis zum Nationalsozialismus ab, wie dem der Bericht des Rendanten und Schriftführers Joseph Stratmann über das Schützenfest 1933 zu entnehmen ist. „Das diesjährige Schützenfest wurde am 2. und 3. Juli in althergebrachter Weise gefeiert. Es war das 2. Fest welches nach dem Zusammenschluss der beiden Vereine Velmede & Bestwig in der neuen Halle gefeiert wurde. Die Witterung war die denkbar günstigste, auch das neue Regime im deutschen Reiche unter Führung Adolf Hitlers trug dazu bei, daß allgemeine Freudigkeit sowie frohe Hoffnung für die Zukunft die Mehrzahl der Teilnehmer begeisterte.“ Der Eintrag ins Protokollbuch ist ein Zeugnis dafür, wie schnell sich die Menschen zunächst in den nationalen Sog hineinziehen ließen.

Viele Schützen waren in den Jahren der Weimarer Republik im Herzen Monarchisten geblieben. Es verwundert daher nicht, wenn sie – trotz einer starken Einbindung in das katholische Milieu – zu denjenigen Kräften gehörten, die durch eine Art „passiven Widerstand“ am Scheitern der Weimarer Republik ihren Anteil hatten und sich in den neuen Verhältnissen nach 1933 recht bald zurechtfanden. Deshalb wird man eine Rede von Peter Louis aus dem Jahr 1934 wohl teils dem Willen zur als notwendig betrachteten Anpassung an die Zeitumstände, teils aber auch tatsächlicher Überzeugung zuschreiben können. Als gemeinsame Ziele von Erzbruderschaft und Nationalsozialismus identifizierte Louis „die Überwindung des Bolschewismus, […] Abwehr der liberalen Ideen, […] Aufrichtung der Volksgemeinschaft und des Führerprinzips, […] die ständische Ordnung.“ (Ralph Trost Eine gänzlich zerstörte Stadt. Nationalsozialismus, Krieg und Kriegsende in Xanten, Münster 2004, S. 127) Schon 1928 hatte der Vorsitzende des Deutschen Schützenbundes Johann Peter Lorenz mit deutlichen Anklängen an deutschnationale und völkische Parolen erklärt: „Unsere nationale Schwäche wurde mir so recht zum Bewußtsein gebracht; und nur die Hoffnung auf baldige Befreiung, die in jedem deutschen Herzen brennt, gab mir Trost in unserer gegenwärtigen Lage. […] Das Ideal, dem wir zustreben, heißt ‚Vaterland’, das alle Parteien umfaßt und eint. Zur Nation wird unser Volk erst werden durch ein gemeinsames Ideal, an das jeder Volksgenosse glaubt und sich durch die Tat bekennt.“ (Deutsche Schützenzeitung, o. Nr., o. D., 1928) Auch wenn sich die Andreas-Schützen noch gegen die von der NSDAP verlangte Anpassung ihrer Vereinskultur an nationalsozialistische Muster, etwa in der umstrittenen Frage der Einführung neuer Einheitsuniformen, wehrten, mit der Etablierung des Regimes ab Mitte der 1930er Jahre wurde der „Hitler-Mythos“ in verschiedenster Form wie der Herstellung der „Volksgemeinschaft“ und das gemeinsame Bekenntnis zum „Führer“ auch hier lebendig. Im November 1932 hatten noch die Mehrheit der Velmede-Bestwiger Zentrum gewählt. Wenige Wochen später nach den Reichstagswahlen am 5. März 1933 sangen die Schützen das Horst-Wessel-Lied. „Sieg, Heil“ wurde zur obliga-torischen Begrüßungsformel. Mitglieder, die kritische Fragen stellten, wurden spätestens ab 1935 auf Intervention der NSDAP hinausgeworfen. Dies belegen Zitate aus Presseartikeln wie „Mit Hetzern wird nicht lange gefackelt!“
Die Königswürde im ersten Jahr des Dritten Reiches 1933 errang Klempnermeister Joh. Humpert.
Einstimmig beschloss die Generalversammlung, in Zukunft eine Frühjahrs- und eine Herbstversammlung abzuhalten.
Vorstand 1933
- 1. Vorsitzender “Vereinsführer“ Lorenz Bültmann
- Rendant Josef Stratmann
- Männerfähnrich Theodor Bücker
- Fahnenoffiziere Karl Kreft und Franz Susewind
- Junggesellenfähnrich Josef Schütte
- Fahnenoffiziere Willy Hegener und Karl Fliege,
- Fähnrich des Bestwiger Zuges Wilhelm Knippschild
- Fahnenoffiziere Willy Humpert und Hubert Fröndhoff.
- Zugführer Josef Stappert, Josef Kohaupt und Heinrich Ruf
- Materialienverwalter Franz Pieper

Lange vor dem Reichsarbeitsdienstgesetz aus dem Juni 1935 zogen im Spätsommer 1933 die ersten 200 freiwilligen Arbeitsdienstmänner ins Karl-Mosterts-Haus ein, um dort ihren „Ehrendienst am deutschen Volke“ zu leisten. Der RAD „sollte die deutsche Jugend im Geiste des Nationalsozialismus zur Volksgemeinschaft und zur wahren Arbeitsauffassung, vor allem zur gebührenden Achtung der Handarbeit erziehen.“ Der Schützenvorstand regelte prompt, dass Arbeitsdienstmänner bis zum Unterfeldmeister für ihre gemeinnützige Arbeit belohnt werden müssten und in Zukunft für ein ermäßigtes Eintrittsgeld von 30 Pfennig alle Veranstaltungen der Schützenbruderschaft besuchen konnten. Zentraler Platz für größere Veranstaltungen der Ortsgruppe der SA, der Hitlerjugend, des Bund Deutscher Mädel (BDM) und des Reichsarbeitsdienstes wurde der Bahnhofsvorplatz. Von hier marschierten die Nationalsozialisten zum Beispiel nach den Maikundgebungen in die Schützenhalle, um dort ihre Kameradschaftstreffen abzuhalten. Die Hallennutzung war für die NSDAP und ihre Gruppierungen kostenlos.

Schützenkönig 1934
Ab 1934 wurde dann von Monat zu Monat deutlicher, dass das Nazi-Regime historische Schützentraditionen systematisch dazu nutzte, den völkischen Geist zu fördern. Die nationalsozialistische Bewegung brauche, so Amtsbürgermeister Dr. Liewer, die Schützen, deren Heimatliebe zutiefst verwurzelt sei, beim Aufbauwerk des deutschen Volkes. In seinem Bericht über das Schützenfest, das am 1. und 2. Juli gefeiert wurde, nahm Josef Stratmann hierauf Bezug: „Der Verlauf des Festes…war ein sehr guter so daß die alte Tradition um 1 Jahr weiter verlängert werden konnte, möge der Bruderschaft auch für die Zukunft der gute Ruf nicht verloren gehen und durch ihr Schützenfest wahrhaft echte Volksgemeinschaft fördern zum Wohle der Gemeinde und des ganzen deutschen Vaterlandes.“
Die Königswürde errang 1934 als erster Bestwiger Schützenbruder nach dem Zusammenschluss Ferdinand Becker.

Die traditionelle Bindung der Schützen an die christlichen Kirchen war der NSDAP von Anfang an ein Dorn im Auge. Zwar gewährte das Reichskonkordat, das am 20. 7.1933 mit dem Heiligen Stuhl abgeschlossen wurde, katholischen Verbänden und Organisationen besonderen Schutz, diese Vereinbarungen waren jedoch nur Makulatur. Kurzerhand wurde den Schützenbrüdern auch in Velmede 1935 durch die Kreispolizeibehörde die Teilnahme an Gottesdiensten, Prozessionen und konfessionellen Veranstaltungen mit der Androhung verboten, dass die Schützenbruderschaft bei Zuwiderhandlung sofort aufgelöst werde. Der Druck der Nationalsozialisten stieg, Kritik wurde im Keim erstickt. So passte sich die überwiegende Mehrheit der westfälischen und rheinländischen Schützenvereinigungen Schritt für Schritt den politischen Verhältnissen an. Wenn sie auch nicht mit voller Überzeugung hinter den Nazis standen, war dies für die die beste Überlebensstrategie.

Per Gesetz wurde 1935 der Charakter der Schützenbruderschaften grundlegend zugunsten der nationalsozialistischen Ideologie verändert, die Vereinsautonomie aufgehoben. Das Schützenwesen wurde gleichgeschaltet. Reichssportkommissar Hans von Tschammer und Osten ordnete an, zur Förderung des Schießsportes einen Dachverband für das gesamte Schützenwesen zu gründen, den „Deutschen Schießsportverband im Deutschen Reichsbund für Leibesübungen“. Gleichzeitig erhielten die bisher noch bestehenden Schützenorganisationen die Aufforderung, sich entsprechend ihrer Satzung aufzulösen. Dass die Schützenbruderschaft Velmede-Bestwig bisher gar keinen Schießsport betrieben hatte und sich im „Reichsbund für Leibesübungen“ völlig deplatziert fühlte, spielte für die braunen Machthaber bei dieser Eingliederungsmaßnahme keine Rolle. Anfang 1935 benannten die Nazis dann den Deutschen Schießsportverband in „Deutscher Schützenverband“ (DSchV) um.



Lorenz Busch
mit dem König von 1929 Alois Stappert
Ab 1935 mussten die Schützenfahnen mit den Hoheitszeichen der NSDAP versehen werden. Nachdem die „Erzbruderschaft vom hl. Sebastian“ zunächst zwangsweise dem DSchV angeschlossen wurde, verboten die Nationalsozialisten sie am 5. März 1936 gänzlich. Am 6. März wurde sie von der Geheimen Staatspolizei für aufgelöst erklärt.
Schützenkönige 1933 – 1939
- 1933 Johannes Humpert
- 1934 Ferdinand Becker
- 1935 Johannes Vorderwülbecke
- 1936 Lorenz Busch
- 1937 Karl Kreft
- 1938 Heinz Körner
- 1939 Anton Nieder
Gecks 1933 – 1939
- 1933 – 1935 nicht mehr bekannt
- 1936 Josef Lange
- 1937 Franz Pieper
- 1938 Josef Drinhaus
- 1939 Hans Mütherig

Im Rahmen einer „Führungsschulung“ im Dezember 1936 in Arnsberg, an der alle Sauerländer Schützenvorstände teilnehmen mussten, wurde auch der Sauerländer Schützenbund gleichgeschaltet. „Durch den einstimmigen Beschluß der Schützenvereine des kurkölnischen Sauerlandes in der Schützenhalle Arnsberg am 8. 12. 1936, sind die sauerländischen Schützenvereine in den Deutschen Schützenverband eingegliedert“, hieß es in einem Rundschreiben des Landrates und Gauinspektors Dr. Evers. Diese Entscheidung suggerierte zunächst, dass die alle Delegierten dieser Eingliederung freiwillig zugestimmt hatten. Sie weist aber auch darauf hin, dass viele linientreue Vorstandsmitglieder im Dienste der „Volksgemeinschaft“ und „Wehrhaftmachung“ ohne Vorbehalte die Entscheidung unterstützt hatten. Noch am selben Tag wurde Bundesoberst Gottfried Beule aus seinem Amt gedrängt und durch den Gauschützenführer Bernhard Lühn ersetzt, der gleich zu Beginn seiner Amtszeit allen Schützenbruderschaften und –vereinen mit sofortiger Auflösung durch die Polizei drohte, wenn sie nicht die nationalsozialistische Schützensache unterstützten. Vereinsinterne Spielräume sanken mit der Zwangsauflösung des Mescheder Kreisschützenbundes und des Sauerländer Schützenbundes nun geradezu auf null. So überführte die NSDAP alle Sauerländer Schützenbruderschaften in den „Deutschen Schützenverband, Gau Westfalen“. Die individuellen Ortsstatuten ersetzten die Nationalsozialisten durch einheitliche Vereinssatzungen im Sinne der NSDAP-Ideologie. Erster Vereinszweck war nun die „leibliche und charakterliche Erziehung der Mitglieder im Geiste des Nationalsozialismus“. In der Mustersatzung des Deutschen Schießsportverbandes hieß es weiter: „Der Verein hat den Zweck, den Schießsport als Leibesübung zur Ertüchtigung der deutschen Jugend und zur Hebung der Wehrfähigkeit zu pflegen. Zu diesem Zwecke werden die Mitglieder unter fachmännischer Leitung im Schießen ausgebildet und werden alljährlich besondere Übungsschießen und Schieß-wettkämpfe veranstaltet. Jeder unbescholtene deutsche Mann (arischer Abstam-mung), der das 15. Lebensjahr zurückgelegt hat, kann Mitglied des Vereins werden. Die Aufnahme erfolgt nach Beschluss des Beirates durch den Führer.“ Schützenbruderschaften, die sich der Annahme der NS-Satzung widersetzten, lösten die braunen Machthaber kurzerhand auf.
Der Schützenbruderschaft Velmede-Bestwig bot sich ab 1935 einzig die Alternative, sich in einen Heimatschutz- oder einen rein kirchlichen Verein umzuwandeln. Das hätte konkret bedeutet, alle öffentlichen Auftritte, einschließlich des Vogelschießens, einzustellen. So beschloss die Generalversammlung 1935, die nun nicht mehr von ihrem Vorsitzenden, sondern nach dem „Führerprinzip“ vom „Vereinsführer“ Lorenz Bültmann geleitet wurde, sich im Zuge der allgemeinen Aufbruchsstimmung und der propagierten Solidarität aller Bevölkerungsgruppen dem „Deutschen Schützenverband im NS-Reichsbund für Leibesübungen“ (RfL) anzuschließen, „um treu zur Heimat und dem ganzen deutschen Vaterland zu stehen“, wie es Bestwigs neuer Amtsbürgermeister Scherf kommentierte.


Auch auf Kreis- und Bundesebene wurden die Forderungen der NSDAP umgesetzt. Aus den Kreisvorsitzenden wurde der „Kreisschützenbundführer“, aus dem Bundesoberst der „oberste Schützenbundführer“. Schritt für Schritt nahm der Einfluss politischer Gremien, der Gauleiter, Kreisleiter und Landräte im Schützenwesen zu. So wurden die Schützen-vereinsführer nicht mehr von den Schützenbrüdern in den Vereine gewählt, sondern von den Kreis-schützenbundführern ernannt. Diese waren von der NSDAP aufgefordert worden, „als Führer nur solche Personen zu wählen, die Einsicht und Gemeinschafts-geist erstreben.“
Bei jeder Gelegenheit sollten die Schützenkameraden ein Treuege-löbnis auf den Führer ablegen. „Jeder Schütze steht fest zu unserem großen Volkskanzler Adolf Hitler. Wir sind ihm ein Treuegelöbnis schuldig und rufen zu diesem auf…“ lautete diese Forderung im offiziellen Einladungstext vom 21. April 1934 zur „Nationalen Kundgebung und Schießsportveranstaltung der Schützen des kurkölnischen Sauerlandes“ in der Sauerlandhalle in Altenhunden. Nach diesem Vorbild waren alle Mitgliedsvereine aufgefordert, auf der Ortsebene bei kleinen und großen Veranstaltungen, besonders bei den Schützenfesten Treueschwüre auf den Führer von den Mitgliedern und Gästen leisten zu lassen. Auszüge aus einem Aufruf zum Treuegelöbnis vom 6. Juni 1934 belegen, wie sehr die Partei in alle Gesellschaftsschichten, in alle Institutionen und Organisationen, in alle Dachverbände und Ortsvereine hineinwirkte: „Wie eine Befreiung des gesamten deutschen Volkes wird die energische Säuberungstat unseres unvergleichlichen Führers Adolf Hitler in den Herzen aller ehrlich und deutsch denkenden Menschen gewirkt haben. Reine Bahn und saubere Verhältnisse.

So und nicht anders kann das deutsche Volk wieder zu der reinen Höhe gelangen, die es vor den Jahren der Zermürbung und Verweichlichung in der ganzen Welt errungen und zu Ehren gebracht hat. Nur … unverdorbene Menschen, die ihr Vaterland und das deutsche Volk lieben,… die das eigene ‚Ich‘ in allen Fällen dem Gemeinwohl opfern, die alles, aber auch alles tun, um unserem Führer an der Seite zu stehen, bei seinem Bestreben, Deutschland, unser heißgeliebtes Vaterland wieder zu einem anständigen Deutschland werden zu lassen, das geehrt und geachtet in der Welt dasteht.“ Allen, die sich der Gleichschaltung widersetzten, drohte die NSDAP: „Hinweg mit allen krankhaften Elementen und hinweg mit allen Quertreibern, die noch glauben, auch im Dritten Reich ihr Partei- oder kochen zu können, die da glauben, auch an jeder Handlung des Führers oder seiner Mitarbeiter herummeckern zu können. Hinweg mit den Leuten, die am Biertisch oder hinten herum … Träger der Unzufriedenheit und Lauheit im Reiche werden!“






Für das Schützenfest 1935 hatte die Schützenbruderschaft auf Anordnung der Ortsgruppe der NSDAP eine Militärkapelle aus Kassel als Festkapelle verpflichten müssen, um das neue Bild der Volksgemeinschaft deutlich nach außen zu dokumentieren. Auch wenn die Schützen anerkannten, dass „die Kapelle gute Musik liefert“, sprach sich die überwiegende Mehrheit der Schützenbrüder dafür aus, im kommenden Jahr wieder die Feuerwehrkapelle Velmede zu verpflichten und die Anordnung der NSDAP zu ignorieren.

Die Bestwiger Ortsgruppe der NSDAP verpflichtete ab 1935 alle Velmeder „Vereinsführer“, „Vereinsdienstwarte“ und ihre Vorstände regelmäßig an weltanschaulich-politischen Schulungen teilzunehmen. Hier wurde auf Antrag des Ortsgruppenleiters die uniformierte Teilnahme der SA und der RAD-Männer an den Festumzügen der Schützen vor dem Schützenfest 1935 verpflichtend angeordnet. Damit wurde durch die NSDAP der Beschluss der Schützenbruderschaft vom Vorjahr aufgehoben, nach dem SA-Mitgliedern die Teilnahme am Schützenfest in SA Uniform ausdrücklich untersagt worden war. Der „Hitler-Gruß“ und das Singen des „Horst Wessel Lieds“, dem Kampflied der SA, das ab 1930 zur Parteihymne der NSDAP avancierte, wurden auch in Velmede-Bestwig befohlene Bestandteile der Schützenversammlungen und Feste. Bei Festlichkeiten das deutsche Liedgut gemeinsam zu singen, verstand die NSDAP als kulturellen Beitrag. Ihn zu pflegen sei Schützenpflicht. Der Oberste Schützenbundführer des Schützenbundes für das kurkölnische Sauerland Gottfried Beule schrieb dazu: „… Auch das deutsche Volkslied gehört auf den Schützenhof. Das Volkslied hat eine fest in heimatlichem Boden verwurzelte treue deutsche Art. Wie es aus den Tiefen des Volkslebens quillt, so wirkt es wieder zurück mit elementarster Kraft, hinreißend, erschütternd, erlösend, tröstend und erfreuend. Gottesglaube und Gottvertrauen, Arbeitsfreude, Heimatliebe und Heimweh, Mutterliebe, Familiensinn, Brautliebe und oft ein Stück Humor geben voll und weich die Grundtöne an. Was unsere Väter geträumt, gelitten und geliebt haben, das erleben wir heute mit unseren Volksliedern. Gerade wo heute so viel um die Gesundheit des deutschen Volkes getan wird, gilt es die Ideale zu retten, die bisher des deutschen Volkes bester Bestand gewesen sind. Rettet das deutsche Volkslied! Deutsches Volk singe deine deutschen Lieder! Singe sie namentlich auch auf deinen Volksfesten, deinen Schützenfesten…“, rief er den im Schützenbund für das kurkölnische Sauerland organisierten Schützenbrüder zu. Im Vorwort des neuen Schützen-Liederbuches heißt es: „… Keine Feierstunde können wir zu einem wirklichen Erleben werden lassen, wenn unsere Lieder fehlen. Erst durch das gemeinsam gesungene Lied erhalten sie ihre große, kraftvolle Verpflichtung. Unser Lied kündet von unserer Weltanschauung und von unserer Lebensbejahung: das politische Lied an der Fahne ebenso wie die fröhliche Weise… Unsere Lieder werden auch dazu beitragen, Brauchtum wieder neu zu bilden… Darum finden wir in unserem Liederbuch auch einige Lieder, die wir nur gemeinsam mit der größeren Gemeinschaft des Volkes singen wollen. … Durch unsere Lieder, durch unser gemeinsames Liedgut finden wir sofort die Brücke zueinander, und beim Singen spüren wir: ‚Wir sind eine große Einheit.“
Bei der Umsetzung dieses „Auftrags“ sprangen die Männergesangvereine Velmede und Bestwig den Schützenbrüdern zur Seite. Ein besonderes Fest des Gesangs wurde 1936 die Jubiläumsfeier zum 50-jährigen Bestehen des Männergesangvereins Bestwig, zu dem über 1000 Gäste nach dem Festzug durch die Gemeinde in der Schützenhalle ihre Stimmen zur „Stärkung des Wir-Gefühls“ innerhalb der Volksgemeinschaft erklingen ließen.



„Heil Hitler“ und deutschem Heimat- und Schützengruß begrüßten der Schützenbund für das kurkölnische Sauerland und der Sauerländer Heimatbund am 24. Mai 1936 Schützenbrüder aus dem gesamten Sauerland zum Zweiten Bundesfest in Brilon, das zugleich als Sauerländer Heimattag gefeiert wurde. Nachdem bereits am Tag zuvor „echtes Sauerländer Volkstum und die Verbundenheit …“ mit dem lieben, schönen Land der 1000 Berge während einer Arbeitstagung des Heimatbundes mit Vorträgen über Geschichte, Naturschutz und Heimatpflege zum Ausdruck gebracht wurde, begann der Sonntag noch einmal mit Festgottesdiensten in der katholischen und evangelischen Kirche mit plattdeutschen Festpredigten. Dies sollte die letzten gemeinsamen Gottesdienste sein, bei den folgenden Schützenfesten wurden sie strikt bei Strafandrohung untersagt. Geschossen wurde nicht um die Würde eines Bundesschützenkönigs auf einen Holzadler, sondern es fand ein Preisschießen auf Scheibenständer zur Ermittlung des „Meisterschützen“ und Gewinners des Bundeswanderpreises statt. Präsenz zeigte die Partei um 11.00 Uhr bei einer Morgenfeier der Hitlerjugend und des Bundes deutscher Mäde (BDM). Der Schützenverein Velmede-Bestwig war mit seinen Fahnenabteilungen und 36 Schützenbrüdern angereist.

Wie sehr die Propagandamaschinerie Hitlers bereits das Schützenwesen in Velmede-Bestwig infiziert hatte, zeigt das Verhalten des Schützenvorstandes und der Schützenbrüder gegenüber ihren jüdischen Vereinskameraden. Bereits vor dem Schützenfest 1934 verlangte der Schützenvorstand in vorauseilendem Gehorsam von den jüdischen Kaufleuten Bachmann und Oppenheim die Herausgabe ihrer Bestände an Schützenhüten.
1936 wurden dann die jüdischen Schützenbrüder Julius Felsberg, Albert Oppenheim, Julius Ransenberg und Max Bachmann aus dem Mitgliederverzeichnis der Schützenbruderschaft gestrichen, da die NS-Satzung vorschrieb, Mitglieder auszuschließen, die nicht „Deutschen oder artverwandten Blutes“ waren. Nicht ein Schützenbruder widersprach im Rahmen der Generalversammlung dem Ausschluss. So endete eine über 100-jährige Tradition, dass jüdische Schützenbrüder Seite an Seite mit ihren Velmeder und Bestwiger Freunden beim Schützenfest marschierten und gemeinsam „Eintracht und Frohsinn“ feierten.
Stillschweigend wurden auch im Rahmen einer Parteiveranstaltung im Eingangsbereich der Schützenhalle vom Reichsarbeitsdienst angebrachte Emailschilder „Juden sind hier unerwünscht“ und „Juden werden hier nicht bedient“ geduldet.


Velmede zählte zu dieser Zeit 2137 Einwohner, Bestwig 653. Keiner der 2658 Katholiken und 181 evangelischen Christen sprang ihren 15 jüdischen Mitbürgern in der Öffentlichkeit hilfreich zur Seite. Dennoch hätte niemand geahnt, was nur wenige Monate später im ganzen Land mit der jüdischen Bevölkerung geschehen sollte.





1937 wurde der politische Druck immer stärker. Beim großen Festumzug musste nun neben den Traditionsfahnen zwingend die Fahne des „Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen“ als Bundesfahne gezeigt werden. Diese wurde bei der Fahnenfabrik Richter in Köln für 85 Mark erworben. Am 27. Juni fand während des Bundesfestes in Meschede die feierliche Fahnenweihe statt, an der neben den Fahnenabteilungen 12 Schützenbrüder teilnahmen. Die neue „Bundesfahne“ trug Josef Wiese jun. In seiner Festrede führte der Kreisschützenbundführer und Landrat Dr. Flottmann aus, dass die Schützenvereine sich nicht mehr darin erschöpfen dürften, einmal jährlich ein feuchtfröhliches Schützenfest zu feiern, das zu einem reinen Amüsement verkommen sei und in dieser Form eine Entartung des Schützengedankens darstelle. Die Schützen müssten sich ihrer Verpflichtung gegenüber Volk und Vaterland wieder bewusstwerden und Männer erziehen, die vom Geist althergebrachter deutscher Wehrhaftigkeit erfüllt seien. In der Vergangenheit sei in den Schützenvereinen unverkennbare Attribute des wehrhaften Mannes, das Streben nach körperlicher Ertüchtigung und nach der Gewandtheit im Umgang mit der Waffe, Fahne des „Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen“ mehr und mehr in den Hintergrund getreten. Für das Schützenwesen bedeute dies, künftig den Schießsport wieder regelrecht und systematisch zu betreiben. Mit dieser Forderung sei es dem Führer und der Reichsregierung heiliger Ernst. Für Vereine, die sich diesem Anspruch nicht fügten, sei im neuen Deutschland kein Platz mehr.





Schützenverein Velmede-Bestwig, gegr. 1826
Während der Frühjahrsversammlung im Mai 1937 wurde den Schützenbrüdern ein neues Statut, das sich an der Einheitssatzung der Nationalsozialisten orientierte und für individuelle Paragrafen keinen Raum ließ, zur unverzüglichen Annahme vorgelegt. Ab sofort trug die Schützenbruderschaft Velmede-Bestwig den Namen „Schützenverein Velmede-Bestwig, gegr. 1826“. Laut § 12 der nun gültigen Vereinssatzung wurde der Vereinsführer verpflichtet, einen Ältestenrat zu gründen. In dieses Gremium bestimmte er Josef Köster, Anton Kohle, Josef Adams, Wilhelm Körner, Heinrich Konradi und Josef Gödde. Erstmals feierte der Schützenverein 1937 auf Initiative der NSDAP Ortsgruppe und der Hitlerjugend ein Kinderschützenfest. Für das „Gemeinschaftsfest der Velmeder und Bestwiger Kinder“ stellte der Verein auf Anordnung kostenlos die Musik und Getränke. Ebenfalls aus der Schützenkasse wurde die Belustigung der Kinder mit 75 Mark bezahlt.

Arnsberg vom 4. Juli 1934




Durch Erlass des Führers wurde der „Deutsche Reichsbund für Leibesübungen“ zum „Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen“ und damit endgültig zu einer NSDAP-Organisation. Alles, was fortan in den Vereinen geschah, stand unter der Beobachtung der örtlichen Parteiorgane, musste mit ihnen abgesprochen und von ihnen genehmigt werden. Aus Schützenbrüdern wurden im allgemeinen Sprachgebrauch endgültig „Kameraden“. Zwischen 1936 und 1938 erließ die NSDAP eine neue reichsweite Schießsportordnung. Der Schützenverein Velmede-Bestwig kamen nicht mehr umhin, gemeinsam mit dem Krieger- und Turnverein eine

Schießanlage in der Schützenhalle zu bauen und zu betreiben. Zum Schießwart wurde Paul Hermes ernannt, Pflichtschießen und Schießleistungsklassen wurden eingeführt, der Schießbetrieb auf militärische Basis gestellt. Der Schützenverein war gefordert, seinen Mitgliedern eine „fundierte Erziehung im Schießen“ zu geben, die sie zur Verteidigung der Heimat befähigte. Wenn ein junger Mann wehrpflichtig wurde, so forderte der Reichsbund, sollte er nicht erst ein Schütze werden, er soll es bereits sein. Ziel war, die „Schützenbrüder wieder ihrer ureigenen Aufgabe zuzuführen wirkliche Schützer der Heimat zu sein“. In Dorf und Stadt sollten sie regelmäßig Aug und Hand üben, um im Notfall dem Vaterland dienen zu können. Die Schießsportverordnung enthielt die Verpflichtung aller Vereinsmitglieder unter 45 Jahren, zwischen Juni und September jeden zweiten Sonnabend die vorgegebenen Schießübungen als Pflichtschießen zu absolvieren. Die Ergebnisse waren in das Schießbuch einzutragen, das jeder Schütze zu führen hatte. Per Verfügung der westfälischen Gauschützenführer zur Änderung der Anzugsordnung und der Rangabzeichen vom 05. April 1938 durften nur noch solche Traditionsuniformen weitergetragen werden, die schon mindestens 75 Jahre in Gebrauch waren. Dabei waren Schützenuniformen, die in ihrem Aussehen den Uniformen der kaiserlichen Armee oder der Wehrmacht ähnelten, ab sofort nicht mehr zulässig. Das galt auch für Rangabzeichen wie Schleppsäbel, Achselstücke, Epauletten, Feldbinden, Schärpen und Sterne. Auch militärische Rangbezeichnungen wie Schützen-hauptmann oder Schützenoberst fielen fort. Bei Neubeschaffung von Schützenkleidung sollte zukünftig ausschließlich der „Deutsche Schützenanzug“ berücksichtigt werden. So sollte vermeiden werden, Wehrmachts- und SS-Abzeichen unbeabsichtigt zu persiflieren. Der „Deutsche Schützenanzug“ wurde jedoch innerhalb der Schützenorganisationen bis Kriegsbeginn nicht angenommen.













Am 11. und 12. Juni 1938 beging die NSDAP Velmede-Bestwig ihr 10jähriges Bestehen. Nach einem Militärkonzert auf dem Bahnhofsvorplatz und einem „Propagandamarsch“ durch Velmede-Bestwig, an dem Abordnungen aller Parteigliederungen und aller Vereine und Verbände, auch die Schützenbrüder, teilnahmen, sprach während einer öffentlichen Kundgebung in der Schützenhalle Reichssendeleiter Eugen Hadamowsky. „An diesem Tag feiern wir nicht nur das 10jährige Bestehen unserer Partei in diesem schönen Ort, wir feiern vor allem unseren Führer und Reichskanzler Adolph Hitler. Ihm schlagen die Herzen aller Deutschen in heißester Liebe, Treue und Dankbarkeit entgegen. Unser ganzes Volk, das er erst wieder zum Volk machte, dankt ihm an diesem Festtag für all das Große, das er geschaffen, mit dem er unser geliebtes Vaterland wieder deutsch gemacht und zu einer ungeahnten Größe emporgeführt hat,“ feierte der Festredner unter dem Applaus der über 1000 Gäste in der Schützenhalle den Reichskanzler. “Unsere Herzen erfüllt die stolze Freude darüber, dass wir in solchen Zeiten leben dürfen, dass wir Zeugen sein durften, als er unser Volk aus tiefster Schmach und Knechtschaft befreite. In unwandelbarer Treue folgen wir ihm nach, gläubig, entschlossen, still. Die Gefolgschaft redet nicht, sondern dient und schweigt!“ Hier richtete Hadamowsky sich mit klaren Worten auch an die Schützenbrüder, die Vorgaben und Forderungen des Hitler-Regimes nicht zu diskutieren, sondern bedingungslos umzusetzen. Er unterstützte das Verbot dezidiert katholischer Vereine und forderte die Praxis der Wehrhaftmachung in allen Schützenvereinen durchzusetzen. Die Velmeder Schützen forderte er auf, endlich die Pläne eines neuen Schießstandes umzusetzen und gemeinsam mit der SA und dem Reichsarbeitsdienst die Schützenfeste künftig zu planen und so zu feiern, dass sie Feste der „Volksgemeinschaft“ mit Bekenntnis zum Führer seien. Dem Schützenverein dankte er ausdrücklich dafür, dass dem Tambourcorps und Fanfarenzug der Hitlerjugend unter der Leitung von Ernst Meier die Schützenhalle an zwei Abenden in der Woche für ihre Proben kostenlos zur Verfügung gestellt wurde.




Auch zum 10jährigen Bestehen der NSDAP Velmede-Bestwig führte der HJ-Spielmannszug den „Propagandamarsch“ an.
Die ständig wachsende Einflussnahme durch die NSDAP, der anhaltende Psychodruck und der Verlust eigener Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb des Schützenvereins veranlassten Vereinsführer Lorenz Brüggemann und den Rendanten Josef Stratmann ihre Ämter nach 11 Jahren während der Frühjahrsversammlung 1939 niederzulegen. Auslöser für diesen Rücktritt waren, so Lorenz Brüggemann später, die brutalen Pogrome gegen die Juden durch die SS und SA vom 9. November 1938. In der Nacht, die später von den Nationalsozialisten zynisch „Reichskristallnacht“ genannt wurde, kam es auch in Velmede zu gewalttätigen Übergriffen auf jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger. Vor den Geschäften der jüdischen Familien in Velmede waren Mitglieder der SA aufmarschiert und zerschlugen die Schaufenster. Federbetten wurden bei Max Bachmann (später Haus Struwe) zerschlitzt, die Federn auf die Straße geschüttelt, Waren wurden aus den Läden geworfen und die Schaufensterpuppen zerstört. Zwar wurde später behauptet, die NS-Schergen stammten alle aus Meschede und seien mit einem Mannschaftswagen zum Verwüsten der Geschäfte nach Velmede gebracht worden. Nachweislich wurden unter ihnen jedoch auch SA-Leute und linientreue Nazis aus dem eigenen Dorf beim Überfall auf das Geschäftshaus Bachmann erkannt. Die ständigen Anfeindungen zermürbten Familie Bachmann mehr und mehr und bewog sie, Velmede zu verlassen. So entschlossen sich Bachmanns 1939, alles zu verkaufen und nach Köln zu ziehen. Über die von der NSDAP erzwungene Geschäftsaufgabe berichtete das NS Tagesblatt „Der Stürmer“: „Anlässlich des Total Ausverkaufes der jüdischen Manufakturhandlung Max Bachmann in Velmede, Kreis Meschede, haben folgende Nichtjuden aus Velmede bei dem Juden Einkäufe gemacht: Frau Franz Burmann (Junkern); Frau Anton Wrede, Postbeamter; Frau Franziska Wegener; Frau Franziska Pankoke geb. Wegener; Frau Heinrich Wrede, Postbeamter; Frau Heinrich Stratmann, Reichsbahnbeamter; Frau Karl Schmidt (Linneweber), Reichsbahnbeamter; Frau Anton Schmidt; Frau Gerke (Schuhmachermeister); Frau Elisabeth Hücker (Schuhmacher); die Kinder des Heinrich Rickert, Reichsbahnbeamter; Frau Pauline Schöder; Fräulein Gertrud Schlüter; Frau Eduard Schenuit, Bäckerei; Frau Josef Susewind; Frau Karl Susewind; Frau Lorenz Stratmann (Stellmacher); Franz Kramkowsky; Franz Vogel; Frau Dünschede; Frau Heinrich Holte; Frau Heinrich Rickes (Maurer); Frau Johann Schulte und Jochler; Frau Sophie Wegesin; Frau Johann Burmann, Reichsbahnbeamter. Der Rechtsanwalt und Notar Herr Aloys Entrup in Meschede hat viel Judenfreundschaft. Erst vor einigen Wochen holte er den Juden M. Bachmann aus Velmede und den Viehjude Ransenberg aus Meschede zu Besuch.“ Für alle Bürger, insbesondere für Angestellte und Beamte der staatlichen Behörden, wurde ein Einkaufsverbot bei jüdischen Händlern vorhängt. Beamten wurde bei Zuwiderhandlungen mit fristloser Kündigung gedroht. Alle mussten mit Repressalien rechnen. Aus dem Wiegehäuschen der öffentlichen Waage, die in einem Nebengebäude der Gastwirtschaft Hegener stand, wurde rund um die Uhr jeder, der im gegenüber liegenden Geschäftshaus Bachmann einkaufte, fotografiert. Die Fotos wurden später mit Schmähungen an ein schwarzes Brett am Weg zur Andreaskirche gehängt. Dieses trug die Überschrift „Wer bei Juden kauft ist ein Volksverräter“. Im „Stürmer“ war hierzu zu lesen: „Zur Aufklärung der Gefolgschaft in der Judenfrage ist in Velmede an der Kirche ein ‚Stürmerkasten‘ angebracht worden. Voller Neugier liest der neugierig gewordene Volksgenosse, wie All-Juda allmählich erkannt und an den Pranger gestellt wird – aber auch mit ihm alle Judenknechte!“



Das letzte Schützenfest 1939





In seinen Erinnerungen beschrieb Ortsheimatpfleger Helmut Fröhling die Velmeder Schützenfeste als Hochfeste im Jahreslauf des Dorfes. „… In unseren Schuljahren war das ganze Sinnen und Trachten auf das Schützenfest ausgerichtet. Die ersten vier Jahre konnten wir in unserer Vorfreude dann verfolgen, wie auf Pastors Wiese, die unserer Schule (Anm. die „Schwarze Schule“) gegenüber lag, die Schützenhalle bekränzt wurde. Die Vogelstange stand zur damaligen Zeit noch oberhalb Kuren Aschenhütte. Ab 10.00 Uhr gab’s Schulfrei, wir durften dann dorthin gehen. Ab 1932 wurde das erste Schützenfest in der neuen Halle “Im Schacht“ gefeiert, ab dann gab es für uns Kinder schon etwas Geld von den Eltern. Aber über zwei Reichsmark sind wir nicht hinausgekommen. Es gab ja auch kaum Spielsachen wie heute zu kaufen. Es wurden allerhand Süßigkeiten in Form von Eiswaffeln und Plätzchen angeboten und höchstens mal ein Pfund Kirschen, welche 30 Pfennig kosteten. Im letzten Jahre vor dem Kriege hatte Anton Nieder den Vogel abgeschossen; er überdauerte den Krieg als Schützenkönig. Unser Schulkollege Hans Stappert schoß den Geck ab. Mit einer selbstgebauten Teufelsgeige, die noch von unseren Schützenfesten und dem Vogelschießen in Föckinghausen herrührte, haben wir dann einen Umzug durch Velmede gemacht zu unserer Hütte ‚Kornblumenblau‘ am Kreuzberg. Wir hatten noch ein Fäßchen Bier mitgenommen und haben dann in schönster Harmonie in Gottes freier Natur den letzten Schützenfest-Montag vor dem Krieg zu Ende gefeiert.“
Dass diese feuchtfröhliche Feier das letzte Fest vor dem Beginn des 2. Weltkriegs war, konnten zu diesem Zeitpunkt noch niemand erahnen.

Im Mittelpunkt der Generalversammlung der Schützenbrüder am 1. Oktober stand der Vorschlag von Gemeindebürgermeister Müller-Zenke, aus der Velmeder Companie zwei Schützenzüge, Zug 1 westlich und Zug 2 östlich der Schützenhalle zu bilden. Dieser wurde einstimmig angenommen. Diskutiert wurde zudem der Bau eines Schießstandes am Boomhof, (Baumhof) der seit nunmehr 2 Jahren geplant wurde. Niemand konnte an diesem Abend ahnen, dass es die letzte Versammlung bis 1947 sein sollte.


in:Tremonia, Central-Volksblatt 27. 10. 1939
Vorstand 1939
- Vereinsführer Josef Gödde
- Stellv. Vereinsführer Heinrich Schäfer
- Rendant und Schriftführer Eduard Kramkowski
- Zugführer Johann Stappert
- Zugführer Josef Kohaupt
- Schießwart Paul Hermes
- Ältestenrat Josef Köster, Anton Kohle, Heinrich Konradi
- Fähnrich Männerfahne Josef Köster-Kurwald
- Fahnenoffiziere: Karl Fliege und Karl Krefft
- Fähnrich Junggesellenfahne Heinrich Conradi
- Paul Hermes und Heinrich Padberg
- Zug Bestwig Wilhelm Knippschild
- Fahnenoffiziere Wilhelm Humpert und Franz Schnier
Der neue Vorstand blieb bis zum Ende des 2. Weltkriegs im Amt. Beim letzten Schützenfest vor Kriegsbeginn errang Anton Nieder die Königswürde. Zu den letzten Aktivitäten der Schützenbrüder bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges zählten die regelmäßig durchgeführten Opferschießen, das Winterhilfswerk-Schießen, sowie Altkleider- und Altpapiersammlungen, an denen sich jeder Schützenbruder bis zum 65. Lebensjahr beteiligen musste.
Der zweite Weltkrieg beginnt

Der erste Mobilmachungstag war der 26. August 1939, fünf Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Obwohl nicht unerwartet, erschütterte der Kriegsbeginn die überwiegende Mehrheit der 2947 Velmede-Bestwiger. Die genaue Zahl der in den ersten Kriegstagen eingezogenen Wehrpflichtigen aus Velmede kann heute nicht mehr rekonstruiert werden, da das Wehrmeldeamt in Meschede zerstört wurde. Alle Unterlagen verbrannten.
Rücksichtslos wurden in den nächsten Monaten die Männer eingezogen. Nur für die Wirtschaft und Verwaltung, für Schulen und Partei ließ man absolut unabkömmliche und wehruntüchtige Männer zurück. Zogen die Wehrpflichtigen von 1914 noch begeistert in den Krieg, so war die Stimmung der nun Ausrückenden gedämpfter. Einerseits waren die Schrecken des ersten Weltkrieges noch präsent, andererseits waren die Soldaten aber von der Schlagkraft der deutschen Wehrmacht überzeugt.
Mit Beginn des 2. Weltkriegs wurden alle Aktivitäten des „Schützenvereins Velmede-Bestwig“ eingestellt. Aus den Kriegsjahren liegen, ausgenommen der neuen Satzung vom 14. Juli 1940, keine weiteren Informationen vor.
Verbrieft ist aus den Kriegsjahren, dass die Schützenhalle in als Reifenlager der Firma Continental genutzt wurde. Zeitweise wurden dort auf Anweisung der NSDAP zusätzlich 50 bis 85 überwiegend ukrainische Zwangsarbeiterinnen der Firma Busch unter sehr beengten und menschenunwürdigen Verhältnissen untergebracht.


















„Beim Durchzug der amerikanischen Truppen wurde die in den Jahren 1931/32 erbaute Schützenhalle unter Beschuss gelegt und brannte am Weißen Sonntag 1945 mit allem Inventar bis auf die Grundmauern nieder. Was die Schützenbrüder in jahrelanger gemeinsamer Arbeit geschaffen, wurde ein Raub der Flammen“, so der letzte Eintrag ins Protokollbuch der Schützenbruderschaft während des 2. Weltkriegs.
Dass ausgerechnet die Schützenhalle als einziges Velmeder Gebäude in Schutt und Asche gelegt wurde, war dem Umstand geschuldet, dass dort ein Reifenlager der Continental AG aus Hannover eingerichtet war. Die Amerikaner hatten die eingelagerten Reifen für die Wehrmacht als „kriegswichtig“ eingestuft und sahen in der Continental AG einen NS-Industriekonzern, der bereits 1933 die Machtergreifung geradezu euphorisch begrüßt hatte und als ein Musterbetrieb in Hitler Kriegsmaschinerie galt.
Nach Ende des 2. Weltkrieges waren in Velmede zu betrauern:



Als Kriegstote betrauerte Bestwig:
Gefallene des 2. Weltkrieges
- 1. Lorenz Busch 2. Reinhold Beule
- 3. Theodor Dieren 4. Engelbert Essfeld
- 5. Hermann Gerlach 6. Franz Humpert
- 7. Hansgerd Kempermann 8. Lorenz Köster
- 9. Karl Lörwald 10. Heinrich Lörwald
- 11. Johannes Schäfer 12. Vinzenz Schnier
- 13. Wilhelm Schnier 14. Ferdinand Steermann
- 15. Wilhelm Tonne 16. Robert Tonne
- 17. Hermann Weber 18. Elmar Wiedenhörer
- 19. Karl Esser 20. Wilhelm Römer
- 21. Albert Römer
- 22. Fritz Sauerwald in russischer Gefangenschaft gestorben
- 23. Franz Leibold in russischer Gefangenschaft gestorben
- 24. August Brenke in russischer Gefangenschaft gestorben
- 25. Otto Besse an Verletzung in Gefangenschaft zu Hause gestorben
- 26. Caspar Gerhard in einen Heimatlazarett gestorben
Vermisste des 2. Weltkrieges:
- 1. Rudolf Becker 2. Ferdi Becker
- 3. Anton Dreier 4. Heinz Dreier
- 5. Egon Funke 6. Josef Droste
- 7. Heinrich Dünsche 8. Otto Lörwald
- 9. Erich Kirschbaum 10. Johann Schäfer
- 11. Franz Osebold 12. Rudolf Schreiner
- 13. Theo Trompeter 14. Wilhelm Vetter
- 15. August Kenter 16. Helmut Mötz
Ziviltote beim Bombenangriff vom 05. 03. 1945
- 1. Postmeister Josef Simon 2. Postsekretär Josef Kühne
- 3. Walter von der Stegge 4. Direktor Josef Schröder
- 5. Friseur Otto Bergmann 6. Eisenbahner Robert Kreuzberg
- 7. Lokf. Willi Becker 8. Rangiermeister Josef Dickmann
- 9. Leitungsmstr. August Keuthen 10. Eisenbahner Heinrich Maiworm
- 11. Elektriker Hans Trusen 12. Elektriker Johann Weber
- 13. Obergefr. Werner Schmidt 14. Gefr. Hubert Drepper
- 15. Schüler Paul Harhuis 16. Frau Maria Dülberg
- 17. Frau Anna Maria Schröder 18. Frau Else Hamer, Pastorenfrau
- 19. Frau Anna Voghinger 20. Frau Agatha Püttmann
- 21. Postsekretärin Paula Schlüter 22. Postsekretärin Renate Rohleder
- 23. Postsekretärin Margarete Ernst 24. Postsekretärin Margarete Albers
- 25. Postsekretärin Hildeg. Schlesik 26. Kontoristin Hilde Wasmuth
- 27. Kind Gerda Schäfer 28. eine Unbekannte
außerdem kamen durch Fliegerangriffe um:
- Bernhard Häger, bei Soest,
- Karl Heinz Hengsbach, bei Gelsenkirchen,
- Anton Stratmann, in Hagen,
- Franz Hegener, in Arnsberg,
Am Ende des Krieges betrauerte Velmede 152 gefallene Soldaten und 20 Ziviltote, 20 Soldaten wurden vermisst. Aus Bestwig fielen 26 Soldaten, 16 wurden vermisst. Beim Bombenangriff auf Bestwig am 5. März 1945 verstarben 32 Zivilisten. Weltweit wurden bei Kämpfen, durch Kriegsverbrechen und Massenmorde durch den Rassenwahn des nationalsozialistischen Deutschlands zwischen 1939 und 1945 insgesamt mehr als 70 Millionen Menschen getötet. 8 Millionen Kriegstote betrauerte Deutschland, davon waren 2,3 Millionen zivile Opfer.

Schon bald nach Kriegsende 1945 entbrannte auch in Velmede-Bestwig eine öffentliche Diskussion um die Rolle der Schützen in den Jahren der Hitlerdiktatur. In Teilen der Bevölkerung gab es erhebliche Vorbehalte, da die traditionellen militärischen Strukturen der Schützen die Kritiker zu sehr an die schrecklichen Erlebnisse während der beiden Weltkriege erinnerten. Bei weltweit fast 55 Millionen Kriegstoten, in fast allen Familien mussten Kriegsopfer betrauert werden, war das wieder aufkeimende Schützenwesen nicht mit den Schreckensbildern der jüngsten Vergangenheit vereinbar.
Während die Schützenverbände den Verlust ihrer über Jahrhunderte gewachsenen Identität durch die Zwangseingliederung in den „Deutschen Schießsportverband im Deutschen Reichsbund für Leibesübungen“ und die damit Verbundene politische Überwachung durch das NS-Regime beklagten, hielten ihnen Kritiker entgegen, dass sie zu Steigbügelhaltern der Nazis geworden seien, Dass diese, zwei Jahrzehnte später besonders in der 68er Bewegung hitzig geführte Debatte, die den Schützen ewig gestriges braunes Gedankengut unterstellte, bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hat, belegt das 2010 erschienene Buch „Schützenvereine im Natio-nalsozialismus – Pflege der ‚Volksgemeinschaft’ und Vorbereitung auf den Krieg (1933-1945)“ des Bochumer Historikers Henning Borggräfe. Von Zwang und Druck auf die Schützen durch die Machthaber im Dritten Reich möchte er nichts wissen. Die Schützenbruderschaften und –vereine seinen weder Opfer der NS-Diktatur noch ein Hort des Widerstandes gewesen. Die Selbstsicht der Schützen auf ihre Vergangenheit sei damit „fundamental in Frage gestellt“. Borggräfe wird zur Stimme der Kritiker des Schützenwesens und stellt die These auf, dass die Schützenvereine im Dritten Reich durchaus willige Stützen des NS Regimes waren. Die von ihm dokumentierte Linientreue zur NSDAP habe nicht nur an dem traditionellen Patriotismus vieler Schützen gelegen, er nennt es „Nationalismus“, sondern auch an inhaltlichen Kongruenzen der bürgerlichen Vereine mit der NS-Ideologie. Dabei sei es nebenrangig, ob sich der einzelne Schütze eher als traditioneller Schützenbruder oder als Schießsportler gesehen habe. Beide hätten, so Henning Borggräfe, ungeachtet aller Unterschiede, sowohl durch „Gemeinschaftspflege“ als auch durch „Wehrhaftmachung“ zur Stabilisierung des Regimes beigetragen. Dass sich die schießsportliche Betätigung der überwiegenden Mehrheit der Schützenbruder-schaften, Schützengilden und Schützenzünfte auf das Abschießen eines Holzvogels beim alljährlichen Schützenfest beschränkte und erst durch die Nazis per Zwang ab Mai 1933 der Schießsport zum Vereinszweck erhoben wurde, fließt in die Diskussion Borggräfes um den Beitrag der Schützen zur „Wehrhaftmachung“ jedoch ebenso wenig ein, wie der Zwangsanschluss der Schützenvereine an den „Deutschen Schießsportverband im Deutschen Reichsbund für Leibesübungen“. Von „Linientreue“ kann in in Velmede-Bestwig nur punktuell gesprochen werden. Nach wie vor beschränkte sich das Schießen zunächst auf das Vogelschießen am Schützenfest Montag. Gleich zu Beginn seines Buches berichtet Borggräfe über das im September 1936 vom „Deutschen Schützenverband, Gau Westfalen“, er nennt ihn noch den „Westfälischen Schützenbund“ (WSB), veranstaltete 32. Bundesschießen in Gelsenkirchen und führt dies als Beweismittel für die Linientreue der Schützen zur NS-Ideologie an. Dass ein Schützenfestzug mit über 2.500 Teilnehmern, Musikkorps und Festwagen durch die Stadt marschierte und dass trotz schlechten Wetters tausende von Zuschauern den zweistündigen Zug durch Gelsenkirchen verfolgten, zeugt zuerst einmal nur davon, dass die Schützen mit ihrem Umzug einer alten Schützentradition folgten und auf breites Interesse der Bevölkerung gestoßen sind. Dies war in den Städten und Dörfern des Sauerlandes bei jedem Schützenfest über Jahrhunderte ein besonderer traditioneller Höhepunkt der Festfolge und hatte mit der braunen Politik der NSDAP gar nichts zu tun. Hieraus auf einen Beitrag der Schützen zur Stabilisierung des NS-Regimes zu schließen, ist fahrlässig. In der feierlich geschmückten Festhalle, so Borggräfe weiter, dominierte ein Hitler-Portrait, von Reichs- und Schützenfahnen umrahmt, die Szenerie. Nun den Schluss abzuleiten, die Schützen seien willige Stützen der NSDAP gewesen und Schützenbrüder zu Nazigehilfen abzustempeln, kann für Velmede-Bestwig so zunächst nicht gelten. Gegen das Anbringen eines großen Hitler-Portraits über der Königsbühne hatte sich der Schützenvorstand 1936 und 1937 mit Erfolg gegen die NSDAP-Ortsgruppe Bestwig und den RAD gewehrt. Die Kritik an den Schützenverbänden, dass sie keinesfalls totalitär gleichgeschaltet wurde und eine ideologische Nähe zum Nationalsozialismus von Anfang an bestanden hätte, kann durchaus bis auf die Kreisebenen gelten. Die Sitzungsprotokolle der Schützenbruderschaft in Velmede-Bestwig beschreiben Gleichschaltungsmechanismen ab 1934 wiederholt und belegen, dass die überwiegende Mehrheit der Vorstandsmitglieder keine ideologische Nähe zur NSDAP besaß. Unbestritten ist, dass es im ganzen Sauerland linientreue „Schützenkameraden“ gegeben hat, auch in Velmede-Bestwig. Unbestritten ist, dass der Westfälische Schützenbund bereits 1933 jüdischen Bürgern den Beitritt und die Mitarbeit in Vorständen versperrte. Diese antisemitische Praxis fand schon bald auch in Velmede-Bestwig Anwendung. Eine bessere Zukunft erhoffend, haben natürlich auch Schützenbrüder bei den Reichstagswahlen im Mai und November 1933 durch ihre Stimmen für die NSDAP deren Machtergreifung mit ermöglicht. Unbestritten ist aber auch, dass die Schützenbruderschaften im „Dritten Reich“ ihres eigentlichen Vereinszwecks und ihrer Identität durch offen ausgeübten Zwang durch die Nazis beraubt wurden. Die dunklen Jahre zwischen 1933 und 1945 selbst belegen diese Selbstsicht der Schützenbruderschaften. Eine Fülle von Dokumenten aus den 30er Jahren beweisen, dass das Schützenwesen von den Nazis für ihre Zwecke ebenso missbraucht wurden, wie viele andere christliche und politische Vereine und Verbände auch. In Velmede-Bestwig gelang es den Vereinsführern Lorenz Bültmann und Josef Gödde gemeinsam mit Präses Pastor herauszuhalten. Dennoch macht die Geschichte der Schützenbruderschaften und -vereine im Dritten Reich verständlich, weshalb ihre Aktivitäten von den Siegermächten mit Skepsis betrachtet wurden. Zunächst verboten sie entsprechend dem alliierten Kontrollratsgesetz Nr. 52 das Schützenwesen, da sie die Schützenbruderschaften und -vereine zu den NS-Organisationen und Schützen zu den paramilitärischen, uniformierten Waffenträgern zählten. Alle Schusswaffen mussten abgeliefert werden, die Vereinsvermögen wurden beschlagnahmt, Schützenhallen anderen Nutzungen zugeführt. Zunächst waren es nach Kriegsende Coppius zumindest ein Stück der eigentlichen Schützenidentität zu bewahren und soweit es möglich war, nationalsozialistisches Gedankengut aus dem Vereinsalltag die Amerikaner, dann die 56. Englische Division und ab 1946 die belgischen Streitkräfte der Brigade Piron im Auftrag der britischen Besatzungsarmee, die jegliche Aktivitäten des Schützenvereins in Velmede-Bestwig untersagten und die Herausgabe aller Waffen inclusive der Degen verlangten. Nur zögerlich und langsam ließen die Alliierten die Schützenbruderschaften nicht zuletzt durch die Intervention des Geistlichen Rates Dr. Peter Louis, Bundespräses der „Erzbruderschaft vom Hl. Sebastians“ aus Leverkusen, Ende der 1940er Jahre eingeschränkt wieder zu. „Die Bruderschaft muss Trägerin der Heimatgeschichtesein, weil sie eben selbst ein Teil dieser Geschichte ist und vielfach durchaus wesentlicher Teil“ argumentierte Dr. Louis gegenüber den Alliierten. Mit Unterstützung des Kölner Kardinals Joseph Frings gelang es ihm, die Besatzungsmächte davon zu überzeugen, dass die historischen Schützenbruderschaften keineswegs NS-Organisationen, sondern kirchliche Einrichtungen seien.



Velmede zwischen 1920 und 1945








Bestwig zwischen 1920 und 1945






Quellenverzeichnis
Text:
- Franz Schörmann u.a. Aus der Geschichte des Kirchspiels Velmede, 1. Chronik der Schützenbruderschaft 1826 St. Andreas Velmede, Bestwig, Olsberg 1989, SS.31f
- Wolfgang Rinschen, 950 Jahre Velmede – 200 Jahre St. Andreas Schützenbruderschaft, Bestwig 2021, S. 18 ff
- Elise Friedrichs, Blüggelscheidt, aus der plattdeutschen Gedichtesammlung von Heidi Bamfaste
- Kohle, F. J., Gemeinde Velmede, Aus ihrer Vor- und Heimatgeschichte, 1958, S. 114 ff
- Bestwig, Chronik von Ort und Kirche, Bestwig 1994, S. 55, S.66
- Protokoll- und Kassenbücher und Satzungen der St. Andreas-Schützenbrüderschaft ab 1826
- Herbert Hesener, Glaube-Sitte-Heimat 75 Jahre Schauerländer Schützenbund 1929 – 2004, Meschede 2004
- Dietmann Sauermann u.a., Schützenwesen im kurkölnische Sauerland, Arnsberg 1983
Fotos:
- Wolfgang Rinschen, 950 Jahre Velmede – 200 Jahre St. Andreas Schützenbruderschaft, Bestwig 2021
- Fotoarchiv St. Andreas-Schützenbruderschaft Velmede-Bestwig 1826 e.V.
- Fotosammlung Werner Nieder
- Privatarchiv Wolfgang Rinschen
- Fotoalbum von Alois Tusch
- Protokoll- und Kassenbücher der St. Andreas-Schützenbrüderschaft ab 1920
- Sammlung Zeitungsartikel Wolfgang Rinschen
